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08.01.2008
Feuilleton
Domenikus Müller
In der Galerie Magnus Müller gegenüber der Volksbühne hat sich zum Jahreswechsel eine Gruppenausstellung einem der ganz großen Themen der Kunst gewidmet: dem Raumbegriff. Die Kuratorin Petra Reichensperger hat hier insgesamt 13 Künstler unter dem Titel "Space-Chase" (Raumjagd) zusammengebracht. Die Rede von der Jagd stellt die Ausstellung dabei von Anbeginn unter das Vorzeichen der Dynamisierung, ohne die Raum gar nicht zu denken ist: Beschleunigung, Verlangsamung, Blockade, Verengung. Und Erweiterung.
Bei dem Unternehmen, nicht nur den Raum zu jagen, sondern auch unterschiedliche Definitionen und Begriffe des Raums miteinander in Beziehung zu setzen, kommt es der Ausstellung sicherlich entgegen, dass die Galerie von Magnus Müller in drei Bereiche mit jeweils unterschiedlichem Charakter eingeteilt ist. "Es war mir wichtig, dass jeder einzelne Raum in sich geschlossen ist und für sich funktioniert", erklärt die Kuratorin Petra Reichensperger.
Wie Papierstau im Drucker
Der erste Raum wirkt dabei formal extrem geschlossen und versammelt gleich zwei der drei ortspezifischen Arbeiten dieser Ausstellung. Tilman Wendland, der nur wenige hundert Meter weiter im Projektraum JET momentan eine Soloschau bestreitet, hat die im denkmalgeschützten Pölzig-Rot gehaltenen Rahmen der ausladenden Fensterfront der Galerie mit weißer Pappe eingekleidet und den Eingangsbereich so hinter einem Vorbau versteckt, dass die Tür von innen nicht mehr sichtbar ist: Ein ironischer Kommentar auf den neutralen Ausstellungsort, sowie Spiel mit Innen und Außen, offenen und geschlossenen Räumen.
Wendland eröffnet so der Schau ihr Terrain, ihren eigenen Raum. Hat man diesen erst einmal betreten, so findet sich eine Skulptur von Lucas Lenglet, der wuchtige Panzersperren zu einer luftig-schlanken Skulptur zusammengeschweißt hat, während in direkter Nachbarschaft Geka Heinke ein abstrahiertes Parkettmuster vom Boden auf die Wand bringt, sowie ein sternförmiges und perspektivisch verzerrtes Muster direkt auf die Wand übertragen hat: Raum wird gedehnt, gestaucht, Boden und Wand verkehrt. Nur einen Schritt weiter befindet man sich plötzlich in einem ganz anderen Ambiente: ein kleines Kabinett, nicht weit und luftig, sondern eher klein und eng. Und auch hier korrespondieren die Arbeiten offensichtlich mit ihrem Ausstellungsraum - die Papierarbeiten von Albert Weis verweisen direkt auf die Raumverknappung und Faltung. Seine Drucke erinnern nicht nur entfernt an einen Papierstau im heimischen Drucker, dessen Resultat ein verknittertes Papier mit ineinander und aufeinander geschobenem Druckbild ist. Im letzten Raum dann eine weitere ortsspezifische Arbeit: Da findet sich Jennifer Jordans in den Raum gehängte Stoffbahn, die sich von einem Draht gehalten wie unsichtbar gegen die Schwerkraft sträubt und deren Abmessungen an den Maßen des Ausstellungsraums orientiert sind.
Zurück zum Eingang
Dieser Raum selbst wird zur Skulptur, wird hier buchstäblich zu einem Kunstwerk gefaltet und gelegt. Zwischen all diesen doch sehr offensichtlichen Bezugnahmen findet sich aber auch eine Reihe von Arbeiten, die eine andere Linie der Auseinandersetzung mit dem Phänomen quer durch die Galerie ziehen.Man könnte anhand dieser Arbeiten den Gang zurück zum Eingang antreten: Denn von Mladen Bizumics Architekturplänen der Freien Universität Berlin, die der Künstler mit Statements wichtiger Persönlichkeiten der Sechzigerjahre kombiniert hat, über den Papierstoß namens "untitled (how to read)" von Ole Martin Lund Bø bis hin zur Videoarbeit "kleine Meldungen" der Hamburger Künstlerin Jeanette Fabis - gleich neben dem Eingang versteckt hinter der Verkleidung von Wendland - öffnet sich hier ein anderer Raum: Ein Raum der Möglichkeiten, wenn man so will, oder auch ein Raum des Lesens und der Interpretation, nicht zuletzt ein Raum des Sozialen.
Und so überlagern sich hier permanent verschiedene Raum-Begriffe, treten in Beziehung und verschaffen dieser Ausstellung eine Faltung ihres Themas ins Konzept: Als Ganzes gesehen strebt sie auseinander, dehnt sich aus, öffnet dann und wann Fluchtlinien in imaginäre Räume, jedoch nur, um sie wieder zu verdichten, übereinander zu legen und zu bestimmten Achsen zu ordnen und so die gezeigten Arbeiten thematisch zu kanalisieren. Dabei gelingt es ihr, ein beinahe übermächtiges Thema in seinen vielfältigen Bezügen sowohl ästhetisch wie auch konzeptuell überzeugend zu fassen.
Galerie Magnus Müller, Weydinger Straße 10/12, bis 9. Februar, Di-Sa, 12-18 Uhr.
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Foto: Jennifer Jordans Stoffbahn sträubt sich gegen die Schwerkraft.
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