|
Kulturradio am Vormittag, 26.07.2006
Geschmackssache/Galerierundgang
Claudia Wheeler
Moderationvorschlag
Unser Galerierundgang wendet sich heute zwei völlig unterschiedlichen Galerien, bzw. Konzepten zu. Claudia Wheelers Rundgang führt uns zuerst in die Galerie von Magnus Müller in die Weydinger Straße – schräg gegenüber der Volksbühne.
Gehen Sie nicht sofort in die Galerie. Schauen Sie erst in die große Eiche, die direkt vor der Tür steht. In der Baumkrone hängt ein aus Brettern zusammen gezimmertes Klavier, völlig ramponiert. Es sieht aus, als wäre es im Sturzflug in den Baum geknallt.
Magnus Müller
Die Arbeiten von Chris Larson sind häufig nicht perfekt, dh sie zeigen sich in einem leicht zerstörten Zustand oder sie sehen aus als ob sie gerade benutzt waren oder nachdem eine Katastrophe stattfand.
In der Galerie zeigt der amerikanische Künstler in einer Videoarbeit, wie dieses sonderbare Piano angeblich entstanden ist. Auf der Leinwand sieht man riesige, mittelalterliche Maschinen aus Holz, die an Folterinstrumente erinnern.
Atmo Video/ Maschine
Ein Mann setzt alle möglichen Hebel, Knäufe, Ösen, Räder und Pedalen in Bewegung und bringt so allerlei eklig-klebrige Flüssigkeiten zum Fließen. Wie er daraus ein Klavier bauen will, bleibt sein großes Geheimnis.
Magnus Müller
Warum wird die Maschine bewegt, was ist das Ziel, was ist der Zweck, das kann man nicht sofort erkennen, weil eine Flüssigkeit oder eine Art Masse, die durch die Maschine erzeugt wird, produziert zwar etwas, aber was es genau ist, das erzählt er uns nicht.
Ein groteskes Schauspiel. Nicht nur die Maschinen geben Rätsel auf, auch die gesamte Szenerie des Videos. Das gebaute Klavier wird in der oberen Etage eines Holzhauses aufgestellt, das auf einem einsamen See schwimmt - bewohnt von einer afroamerikanischen Familie.
Atmo Klavierruckeln und Gospel hoch
Während oben jemand das Klavier hin und her rückt, singt unten die Familie zu diesem Rhythmus einen Gospel.
Magnus Müller
Es geht ihm um die Absurdität der Situation überhaupt, wie Menschen aufeinander reffen, wie sie miteinander umgehen und wie sie unterschiedliche Rituale haben und Gewohnheiten und wie an so einem merkwürdigen Ort so was aufeinander treffen kann.
Wer sich bei diesen Temperaturen lieber etwas zurückzieht, ist in der Mappenmöbelgalerie von Sybille Kesslau bestens aufgehoben. Die Tür fällt ins Schloß, der dunkle Vorhang legt sich vor die Fenster. Jetzt zählt nur noch das große schwarze Möbelstück in der Mitte des Raumes: Was aussieht wie ein flacher HiFi Schrank, lässt sich wie ein Liegestuhl aufklappen. Einfach bequem die Beine ausstrecken und die diversen Künstlermappen durchblättern, die im Inneren der Bank gesammelt werden.
Sybille Kesslau
Zum ersten stört es mich schon lange, dass man immer schweißgebadet vor einem Galeristen steht und überlegt, wie frag ích ihn jetzt, also darf ich fragen, würden Sie Zeit haben, sich Arbeiten von mir anzugucken. Das ist alles so unrelaxed, das ich endlich mal einen Ort haben wollte, wo man ganz entspannt sagen kann: das mache ich, das könnte ich zeigen, das sind meine Arbeiten.
Jeder kann kommen und seine Mappe durch den Schlitz werfen, wie in einen Briefkasten. Ein Sammelbecken für Künstler, die noch keine Galerie haben. Darin liegt auch das Problem der Mappenmöbelgalerie: Da niemand vorsortiert, gibt es auch keine Qualitätsauswahl. Jeder macht sich also mal schnell zum Künstler, und das sieht man einigen Mappe auch an. Sybille Kesslau hält ihr Projekt aber bewusst in dieser Spannung zwischen Markt und Marktverweigerung.
Sybille Kesslau
M15 Darum geht’s mir auch mit diesen vielen Mappen, dass Gegenwartskunst ein Urwald ist, das komplett gemischt ist, dass man nicht mehr sagen kann: das ist die Gegenwartskunst, sondern sie beinhaltet und alles und grenzt nichts mehr aus und deshalb kann man nicht mehr beurteilen, welche Gegenwartskunst ist nun die Beste.
Sibylle Kesslau versteht ihr Projekt auch eher als Kontaktbörse für Künstler. Aber vielleicht entdeckt ja auch der eine oder andere Besucher einen Künstler ganz für sich.
Abmoderation
Die Mappenmöbelgaleie finden sie im Weinbergsweg 3 in Berlin Mitte, am U-Bahnhof Rosenthaler Straße. Geöffnet ist jeder Sonntag von 14-18 Uhr.
Die Galerie von Magnus Müller ist in der Weydinger Str. 10, gegenüber der Volksbühne. Geöffnet Di-Sa 12-18 Uhr.
|