Überschrift:
Hier hat man mehr Zeit als in den USA
Zeitschrift:
Die Welt
Datum: 14.03.2003
über den Künstler: Eija Liisa Ahtila
Niels Bonde
Elina Brotherus
Jens Fänge
Nils Erik Gjerdevik
Maria Hedlund
Matts Leiderstam
Ann Lisslegaard
Anneè Olofsson
Kirstine Roepstorff
Tyra von Zweigbergk
über die Ausstellung: Nostalgic Real

Laurie De Chiara und S�nke Magnus M�ller leiten Galerien in Berlin und New York Gefragt, ob sie auch privat ein Paar seien, lautet die Antwort: "Fast ein Paar." Schlie�lich arbeite man viel zusammen und teile �hnliche Ansichten. Laurie De Chiara und S�nke Magnus M�ller f�hren Besucher lieber gleich zu ihrem gemeinsamen Interesse, der Kunst. Den traditionellen Kunstbegriff dabei in Frage zu stellen, ist ihnen wichtig. Wer in die Galerie der New Yorkerin und des Wahlberliners im historischen Poelzig-Bau gegen�ber der Volksb�hne kommt, findet Kulturarbeit im besten Sinne. Nicht der Glamour interessiert sie, sondern der Dialog mit und �ber die K�nste, welche sich in Grenz�berschreitung �ben. So stellten sie unl�ngst J�rgen Mayer H. vor, der Architekt ist, gleichzeitig aber auch K�nstler und Designer. Eine der Entdeckungen der Saison. Die erste Berliner Einzelausstellung des italienischen Malers Luca Pancrazzi, der dieses Medium mit Video und Installation verbindet, d�rfte nicht minder interessant werden. Im "Babylon" baut er demn�chst eine Skulptur auf, in der unsichtbare Kameras lauern. Die �bertragen dann das Augenzwinkern der Kinog�nger in die benachbarte Galerie. Das Programm des Galeristenduos konzentriert sich auf konzeptuelle, raumbezogene Avantgarde. Die aktuelle Ausstellung mit skandinavischen K�nstlern, f�r die Laurie De Chiara schon vor Er�ffnung der Berliner R�ume vor genau einem Jahr recherchierte, schielt dementsprechend nicht prim�r auf den Verkaufsaspekt. "Die Galerie als Ideentanker", sagt M�ller, "soll neue M�glichkeiten ausloten". Gesch�fte machen will - und muss - man nat�rlich trotzdem. Kennen gelernt haben sie sich bereits vor 14 Jahren. Die heute 36-J�hrige und ihr 37-j�hriger Partner waren damals noch Studenten der Kunstgeschichte und beide Stipendiaten am Guggenheim-Museum in Venedig. W�hrend sie als Kuratorin t�tig wurde und 1997 in Manhattan ihre erste eigene Galerie er�ffnete, gr�ndete der Kunst- und Bauhistoriker 1996 in Berlin das bureau m�ller. Die angebotene kommunikative und organisatorische Dienstleistung im Bereich Architektur und Stadtplanung wird heute aus dem B�ro der Galerie fortgesetzt. So betreut man zum Beispiel auch Sammler aus Amerika, die erst durch Berliner Galerien gef�hrt werden und anschlie�end �ber die Biennale in Venedig. Die amerikanischen Kontakte sind wichtig f�r die Galeristen. "In New York gibt es ein enormes Interesse an Berlin", berichtet M�ller, der mit seiner Partnerin auch vom Messestandort �berzeugt ist. An sieben Messen beteiligte sich das Duo im vergangenen Jahr, sechs werden es 2003 sein. Eine geht sogar auf den Mut, die Energie und die starken Nerven der kleinen Frau mit der gro�en Gelassenheit zur�ck, die nach dem Anschlag vom 11. September und der folgenden Verschiebung der ersten Art Basel Miami Beach eine Alternative ins Leben rief - die "Fast Forward Miami", heute "Scope". "Man muss rausgehen, um sich zu profilieren", lautet die Devise. So nahm die frisch gebackene Galeristin aus New York 1997 auch gleich am Berliner Art Forum teil. Ihren heutigen Partner engagierte sie damals als Helfer. Zur Zeit genie�t Laurie De Chiara das langsamere Tempo und die gr��ere Lebensqualit�t von Berlin, denn Konkurrenzdruck und Stress seien in ihrer Heimat gr��er. "Die Leute sind sehr ernsthaft hier, diskutieren gern und nehmen sich Zeit. Die Amerikaner sind schneller, kaufen, ohne gro� nachzudenken." Den Freiraum, der sich hier bietet, wei� das Paar zu nutzen. Mit zw�lf Ausstellungen j�hrlich sind die beiden auch jenseits der Messen in New York, London, Bologna, Paris und K�ln vor Ort pr�senter als mancher Kollege. Wie sie es denn anstellen, an so viel Kunst zu kommen, dass sie all ihre Messest�nde und die Ausstellungen in ihren Galerien best�cken k�nnen? "Manchmal muss man ein bisschen peitschen", meint er. Als Kuratorin wirft Laurie De Chiara gern den Blick auf ferne L�nder. Die Idee zur Schau "Nostalgic Real" mit elf Skandinaviern, die sich in den Medien Skulptur, Zeichnung, Malerei, Fotografie, Video und Installation mit der Tradition des Geschichten Erz�hlens auseinandersetzen, stammt von ihr: "In Amerika will man alles kennen lernen, ich wollte den Norden begreifen, verstehen, was ich nicht kannte." Von 550 Euro f�r eine Zeichnung der jungen Schwedin Tyra von Zweigbergk, �ber je 5000 Euro f�r die formsch�nen Keramikskulpturen von Nils Erik Gjerdevik, bis 14 500 Euro f�r zwei gro�formatige Farbfotografien (Edition: 10 + 2 AP) der Dokumenta-Teilnehmerin Eija Liisa Ahtila reichen die Preise. Jens F�nges surreale Gem�lde, die an einen modernen Magritte denken lassen, verkauften sich am schnellsten (4500-5500 Euro). Galerie m�llerdechiara, Weydinger Str. 10 (am Rosa-Luxemburg-Platz); bis 29. M�rz. Di-Sa 12-19 Uhr. von Corinna Daniels

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