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| Anfang der neunziger Jahre entwickelte der Berliner Senat parallel zu den ersten Großplanungen für die neue Hauptstadt auch noch den Ehrgeiz einer Bewerbung als Austragungsort für die Olympischen Sommerspiele im Jahre 2000, mit der er dann jedoch recht kläglich scheiterte. An diese mit großem Aufwand betriebene Bewerbung erinnern heute zwei bedeutende, hierfür eigens geplante Sportbauten im Osten der Stadt: Die Max-Schmeling-Halle von den Frankfurter Architekten Joppien-Dietz und - an der Landsberger Allee im Stadtbezirk Prenzlauer Berg - das Velodrom mit der unmittelbar angrenzenden, nach einigen Verzögerungen inzwischen fertiggestellten Schwimmhalle - beide von Dominique Perrault. Der französische Architekt hatte 1992 den international ausgeschriebenen Wettbewerb mit 32 Teilnehmern gewonnen. Die sehr zügige konkrete Planung dieser Hallen vor der Entscheidung zum Austragungsort durch das Internationale Olympische Komitee sollte die Chancen Berlins deutlich verbessern. Perraults Sportbauten sind für die Stadt schon dadurch einzigartig, da sie weitgehend eingegraben sind. Das Grundstück füllt ein nahezu rechteckiges, 100.000 Quadratmeter umfassendes Plateau aus, das in freier Anordnung mit 450 Zierapfelbäumen bepflanzt wurde. Das Plateau wird vom Straßenniveau aus über eine im Norden, Süden und Westen umlaufende Treppenanlage erreicht. Die in ihrem Wuchs unterschiedlichen Apfelbäume, die ursprünglich ein strenges Quadratraster bilden sollten, stammen von einer Plantage in der Normandie und einer Baumschule nahe Berlin. Zwischen diesen Bäumen des "Obstgartens" auf einheitlicher Rasenfläche tritt der eigentliche Sportkomplex erst nach einer steilen Böschung in Form zweier fast vollständig versenkter Baukörper in Erscheinung - einem Rundbau mit dem Velodrom und einem Rechteck mit der Schwimmhalle. Indem die Oberkante der beiden Hallendächer die Ebene des je nach Standort zwei bis fünf Meter über den umgebenden Straßen liegenden Apfelbaum-Plateaus um nur einen Meter überragt, können die Passanten in extrem flachem Winkel auf die völlig ebenen Dachflächen blicken. Diese Flächen sind mit Ausnahme einiger Oberlichter geschlossen und werden von hunderten Edelstahlmatten mit engmaschigem Gewebe gebildet, die oberhalb der eigentlichen Dachhaut auf Stahlrahmen elastisch verspannt wurden. Sie sorgen für spezielle optische Effekte, die von den Wetterverhältnissen abhängig sind. Bei greller Sonne scheinen die Matten silbern zu funkeln. Besonders aus der Luft ergibt sich dadurch ein spektakuläres Bild voller Rätsel. Das große Rund des Velodroms hebt sich aus dem weiten Häusermeer wie ein glitzerndes Juwel deutlich hervor. Zunächst in Analogie zu einem großen Stück Stoff gedacht, kann man in den Matten aber auch eine sich spiegelnde Wasseroberfläche sehen. In der Nacht verströmen sie nach Auffassung des Architekten verschiedenste Lichter, die eine magische Atmosphäre entstehen lassen. Eine stärkere Illuminierung der Dächer könnte diesen Eindruck tatsächlich erzeugen. Die flachen Ränder der beiden Baukörper, die sich durch die steilen Böschungen der Plattform und einen schmalen Graben herausheben, erhielten ein breites Fensterband und darüber ebenfalls eine Verkleidung aus Stahlgewebe-Matten. Bei Perraults Stahlglas-Architektur sind diese Matten seit seiner Bibliothèque Nationale de France nahe des Gare d'Austerlitz in Paris nicht mehr wegzudenken. Sie passen zu seiner Sprache der Rohbauästhetik, die weder das raffinierte Detail will, noch die aufgesetzte High-Tech-Spielerei braucht, sondern meist mit standardisierten Produkten aus der Industrie vorlieb nimmt, die mit einfachen Mitteln zusammengefügt werden. Perraults Sprache bleibt abstrakt. Fassaden mit schlichten Oberflächentexturen bilden für ihn trotz ihrer Dimension nur den Hintergrund für das Essentielle. So ist es die Leere, die bei ihm zu einem bedeutenden und von seiner Architektur eingefaßten Raum wird. Es liegt auf der Hand, daß die Planung der Hallen nach dem Ausscheiden Berlins bei der Bewerbung für Olympia eine Wandlung vollziehen mußte. Statt der strengen Olympia-Richtlinien stand jetzt Flexibilität für eine bessere und vielseitigere Nutzung im Vordergrund, die die Auslastung sicherstellen soll. Beim Velodrom mit 5800 bis 9500 Sitzplätzen finden jetzt nicht nur große Radsportveranstaltungen wie das legendäre Berliner Sechstagerennen statt, sondern Leichtathletik-Meetings, Reit- und Tennisturniere, Konzerte und kommerzielle Großveranstaltungen. Eine weitere Besonderheit der Gesamtanlage ist sicherlich das Erschließungskonzept. Perraults Apfelbaumplantage ist losgelöst von den Hallen als öffentlicher Stadtraum zu begreifen. Die Haupteingänge befinden sich darunter an einer breiten überdachten "Straße" entlang der im Norden parallel zum Grundstück verlaufenden S-Bahn. Damit ist der Sportkomplex perfekt angebunden. An der Südseite dieser "Straße" werden auch Passanten, die diesen nüchtern ausgefallenen Weg nutzen, durch große Glasfassaden Einblicke in die Foyers und die Schwimmhalle gewährt. Ursprünglich sollten auch die Gleise der S-Bahn komplett überbaut werden. Beim Wettbewerbsentwurf waren auf der nach Norden verlängerten Plattform Bauten für ein Handels- und Dienstleistungszentrum vorgesehen, die dem Gesamtkomplex sicher mehr optischen Halt gegeben hätten. Die Suche nach Investoren für dieses Vorhaben blieb jedoch erfolglos. Die Konstruktion der wuchtigen, radial angeordneten Fachwerkträger, die die Arena des Velodroms in einer lichten Höhe von 13 Metern überspannen, nimmt durch ihre Höhe von vier Metern alle für den Hallensportbetrieb nötigen technischen Installationen auf. Trotz der großen Weite von 115 Metern des freispannenden Runds des Dachtragwerks und dem Druckring-Konzept wirken von den oberen Rängen der Tribüne aus betrachtet die einzelnen Teile der Träger und Aussteifungsstäbe überdimensioniert und fast schon erdrückend. Eleganz wie sie beispielsweise die weitgespannten Dachschalen der Sporthallen von Pier Luigi Nervi ausstrahlen, war nicht gefragt. Die Errichtung des Velodrom-Tragwerks war besonders beeindruckend. Zunächst baute man über einem hydraulisch absenkbaren Stützgerüst den inneren Ring. In einer zweiten Arbeitsphase wurde der Ring mit den 48 über 54 Meter langen Radialträgern, die auf Ober- und Untergurtebene miteinander verstrebt sind, zusammengefügt. Die circa 4 Meter hohen Träger ruhen im äußeren Ring auf nur 16 Betonstützen, die in der Halle kaum wahrzunehmen sind. Nach Vollendung des gesamten Tragwerks konnte das Stützgerüst entfernt werden. Die Dachscheibe senkte sich daraufhin um 13 Zentimeter in ihre vorbestimmte Position. Für die Besucher scheint die riesige stählerne Fläche über ihren Köpfen zu schweben. Perrault ist in Berlin seinen Entwurfsideen treu geblieben. Auch wenn hier ganz andere funktionale Forderungen erfüllt werden mußten, so bleibt doch die Grundidee, große Teile der Gebäude zu verbergen, seine Pariser Bibliothèque Nationale und sein viel kleineres Konferenzzentrum in Saint-Germain-en-Laye präsent. Thema ist das deutliche sich Zurücknehmen und Verbergen, um dann mit Größe, imposanten Raumfolgen und mit wenigen Materialien für Überraschungen zu sorgen. Wichtige Sportbauten heben sich meist als Solitärbauten deutlich hervor. Perrault hingegen hatte statt eines gut sichtbaren Zeichens eine andere Idee: eine jedem zugängliche urbane aber künstlich wirkende Apfelbaum-Parkanlage, dessen Mitte zwei riesige, nicht begehbare Stahlboxen darstellen. Das Leitbild bei seinen Projekten ist immer die Landschaft im allerweitesten Sinne des Wortes, die mit einer großen Geste interpretiert und inszeniert wird. Erst in zweiter Linie wird das herkömmliche Wesen der Architektur, die visuelle Präsenz wichtig. Dies mag zur Diskussion reizen, gar auf Unverständnis stoßen. Unabhängig davon, daß noch auf lange Sicht insgesamt auf die Einbindung der Gesamtanlage in das sehr heterogene und in vielen Teilen stadträumlich desolate Umfeld gewartet werden muß, wird dieser ungewöhnliche Hain ohne eigentliche Mitte des Zusammenfindens hoffentlich nicht lieblos mißachtet, sondern - wie schon heute unter dem Plateau - zu einem neuen Ort voller Leben in Berlin. Sebastian Redecke |
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