Überschrift:
Unter dem Pflaster liegt der Hain.
Zeitschrift:
Daidalos, Nr. 66
Datum: 15.09.1996
über den Künstler: Dominique Perrault
über die Ausstellung: Morceaux Choisis

In der Bibliothèque Nationale von Paris scheint vieles auf den Kopf gestellt: Die Bücher, die luft- und lichtdichte Räume benötigen, alleine schon wegen ihres Gewichtes meist in den Keller verdammt, sie schweben hier über den Menschen, die sie benutzen. Dafür sind die Lesesäle unterhalb der Erdoberfläche: je tiefer geforscht wird, um so weiter unter der Erde befinden sich die Arbeitsräume.
Der Leser blickt nicht nach außen sondern nach innen: In den Innenhof, das Herzstück der Bibliothek, einen kieferbepflanzten Hain.Er ist durch keine anderen Anblicke abgelenkt: Der Ausblick über ganz Paris im oberen Bereich der Türme bleibt den Büchern vorbehalten. Wie in der Zeit mittelalterlicher Forschung blickt der Lesende in den Garten des Innenhofs, der klösterliche Zurückgezogenheit verheißt. Und es bleibt bei einem Bild, denn Zutritt hat nur der Gärtner. Das erscheint auf den ersten Blick verwunderlich, ist beim genauen Hingucken nur konsequent. Die erforderte Konzentration wäre nicht möglich, wenn unter den normannischen Kiefern Kinder und Liebespaare ihre Mußestunden verbringen würden. Das zu erblickende Bild gleicht einem impressionistischen: Die Architektur bleibt hinter den Bäumen sichtbar, durch ihre Glasfassade wirft sie das eingefangene Licht zurück.
Auf den ersten Blick irritiert es, daß ausgewachsene, 40-jährige Bäume verpflanzt wurden. So ist deren Anpflanzung im Vergleich mit der junger Bäume ein ungleich höherer finanzieller Aufwand verbunden mit dem Risiko, daß die schon mal tief verwurzelten Bäume nicht so leicht ihre neue Heimat akzeptieren. Andere Bodenverhältnisse, höhere Luftverschmutzung spielen hierbei eine Rolle, aber auch die starken Winde, die durch den Innenhof wirbeln, welche von den vier "Buchtürmen" noch verstärkt werden. Mögliche Erklärung hierfür ist die Vermutung, Francois Mitterand habe sein "Mausoleum" (Zitat desselben) 1995 schon fertig "gewachsen" einweihen wollen, nicht Erde und kleine Büsche statt eines dichten Waldes im Innenhof sehen wollen. Aber nicht nur der ehemalige Präsident benötigte den fertigen Wald, auch auf den Leser haben die schon ausgewachsenen Bäume eine Wirkung. Keine anderen Pflanzen stehen so sehr für Standhaftigkeit und Ruhe, umso tiefer ihre Wurzeln in die Erde gehen, umso unverwüstlicher erscheinen sie. Es entsteht der Eindruck, daß die Bäume in der Bibliothèque Nationale schon vor der Stadt da waren (Es ist die typische Vegetation für die Ile de France), als ob die Architektur sich um die Bäume angesiedelt hat. Nicht nur die Proportionen sollten von Beginn an stimmen, sondern eine Dualität zwischen dem Bild der "wilden, unberührten Natur" und der Bibliothek als Symbol für den menschlichen Geist wurde versinnbildlicht.
Der Heilige Hain in der Bibliothèque Nationale bietet kein Asyl mehr, nur noch sein Abbild soll genügen, er wird zu seinem eigenen Symbol.

Anne Schmedding


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